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Wenn die Software neue Mitarbeiter sucht

Im Oktober vermeldete die Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg 773 000 offene Stellen in Deutschland. Das sind 86 000 mehr als vor einem Jahr. Deutschland ist auf dem Weg in die Vollbeschäftigung: „Die Beschäftigung wächst weiter und die Nachfrage der Betriebe nach neuen Mitarbeitern steigt in diesem Monat kräftig“, sagte der Chef der Bundesagentur für Arbeit, Detlev Scheele.

Deutschland wird zu einem Paradies für Arbeitsuchende. Aus diesem Grund haben viele Unternehmen ihre Abteilung „Human Resources“ kräftig aufgestockt und der Bedarf an guten Headhuntern und moderner Software wächst weiter. Wurde früher per Stellenanzeige am Wochenende in den Zeitungen nach guten Kräften gesucht, tummeln sich jetzt die Online-Jobportale im Internet. Die früher übliche schriftliche Bewerbung stirbt dabei ebenso aus wie die Stellenanzeige in der Zeitung.


Lars Reese, Partner der Managementberatung Berg Lund & Company

„Die Digitalisierung des gesamten Recruitingprozesses schreitet unaufhaltsam voran. So mutieren auch die klassischen schriftlichen Bewerbungen zusehends zum Auslaufmodell und werden sogar von vielen Unternehmen zwischenzeitlich gar nicht mehr berücksichtigt. Die Entwicklung geht dabei von großen Konzernen aus, die täglich mit hunderten Bewerbungen überflutet werden. Die vollständige Adaption digitaler Bewerbungsprozesse von kleinen und mittleren Unternehmen ist jedoch nur eine Frage der Zeit“, meint Lars Reese, Partner der Managementberatung Berg Lund & Company.

Die Digitalisierung bei der Jobsuche ist inzwischen schon weit fortgeschritten. Viele technische Angebote machen es den Unternehmen leichter, „Mrs. oder Mr. Right“ zu finden. Computer übernehmen inzwischen automatisch die Vorauswahl, Online-Jobportale liefern die Daten im richtigen Format für die betriebsinternen Datenbanken, erste Vorgespräche werden mit den Bewerbern per Webcam geführt. Und auch die Software und die Entwicklung neuer Apps macht große Fortschritte.

„So gibt es eine Reihe sinnvoller Angebote. Die Job-Plattform Truffls hat beispielsweise eine spannende App entwickelt, und etwa IBM vom Einsatz überzeugt, mit der Bewerber und Unternehmen wie bei Tinder durch Profile swipen und bei gegenseitigem Interesse in einen Dialog treten. Hierbei können die Bewerber praktischerweise auf die in sozialen Netzwerken hinterlegten CVs verlinken. Talentwunder oder auch Joberate stellen Arbeitgebern Plattformen bereit, die beim Active Sourcing auf Onlineportalen nach Personen mit passenden Kriterien suchen. Auf Basis von Informationen, die sich aus den Aktivitäten in sozialen Netzwerken ergeben, errechnet die Software hier unter anderem die ‚Wechselwahrscheinlichkeit‘ eines potenziellen Kandidaten,“ erklärt Lars Reese von Berg Lund & Company.

Viele Firmen tummeln sich inzwischen auch auf reinen Bewerberprofilen bei Facebook, XING und LinkedIn – diese werden für die Firmen immer wichtiger. Soziale Netzwerke bieten eine wertvolle Informationsquelle. Bei Porsche können die Bewerber ihr erstes Gespräch mit einem Chat-Bot führen, der 24 Stunden am Tag die ersten Antworten und Informationen liefert. Auf Wunsch wird dann aber auch der Kontakt zu einem „echten Mitarbeiter“ hergestellt.

Droht mit diesen Trends dem Bereich HR ein personeller Ausverkauf in der Zukunft? Nein, meint Lars Reese von Berg Lund & Company: „Die Digitalisierung führt im Personalmanagement genauso wie in anderen Disziplinen zu zahlreichen Effizienzsteigerungen. Ein damit verbundener geringerer (personeller) Ressourcenbedarf ist oftmals die folgerichtige Konsequenz. Der Branche droht dabei jedoch alles andere als ein personeller Ausverkauf. Schließlich bleibt Personalmanagement weiterhin ‚People Business‘. Vor diesem Hintergrund werden einfache administrative Arbeiten sukzessive durch eine Maschine ersetzt werden, wohingegen qualifizierte Tätigkeiten an Stellenwert und Bedeutung gewinnen. Ein authentisches und qualifiziertes persönliches Gespräch mit einem potenziellen Bewerber ist immer noch nicht durch eine Maschine zu ersetzen und stets ein Zeichen von Wertschätzung. Eine ausgeprägte Personalexpertise wird im hart umkämpften ‚War for Talents‘ auf diese Weise zur ‚Unique Selling Proposition‘ eines Unternehmens.“

Robot-Recruiter, Chat-Bots und weitere Unterstützungstools werden in Zukunft der Alltag im harten Geschäft der Personalabteilungen sein. Denn heute muss nicht mehr der Arbeitsuchende auf die Suche nach Arbeitgebern gehen, sondern das Unternehmen selbst muss sich entsprechend präsentieren und den Arbeitssuchenden direkt ansprechen. „Ein Wechsel vom Verkäufer- zum Käufermarkt zeichnet sich daher in vielen Branchen ab. Ein aktives und gelebtes Employer Branding wird in diesem Zusammenhang vom Buzzword zur Pflichtdisziplin“, beschreibt Lars Reese den Blick des HR in die Zukunft.

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Journalist

Jörg Wernien

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