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Dr. Alexander M. Moseschus, Geschäftsführer des Deutschen Factoringverbandes. FINANZEN

Factoring im Mittelstand immer beliebter – Dr. Alexander M. Moseschus

Interview mit Dr. Alexander M. Moseschus, Geschäftsführer des Deutschen Factoringverbandes. Factoring, also der Forderungsverkauf, galt lange als ein Instrument vor allem für Großunternehmen.

Wie erklären Sie sich, dass zunehmend Mittelständler auf den Zug des Factorings aufspringen?

Zum einem beobachten wir seit längerem, dass sich trotz niedriger Zinsen die Hausbanken aus der Unternehmensfinanzierung zurückziehen oder zumindest sehr schwer tun, besonders im kleineren Mittelstand. Hier kann das Factoring als Forderungsfinanzierung gerade für kleine und mittelständische Unternehmen als Liquiditätssicherung eingesetzt werden. Dabei entstehen Vorteile gegenüber dem klassischen Bankenkredit, vor allem dadurch, dass die dafür üblichen Sicherheiten beim Factoring nicht zu stellen sind. Last but not least gibt es beim Forderungsverkauf keine langen Bearbeitungszeiten. Kredite bei der Hausbank werden in der Regel ja erst beantragt wenn es Engpässe gibt. Da zählt dann meistens jeder Tag. Mit dem Finanzierungsinstrument des Factorings kann man dies gut umgehen. Zudem ist Factoring umsatzkongruent, d.h. die Finanzierung passt sich im Gegensatz zum Kredit dem Liquiditätsbedarf des Nutzers auch in Spitzen und Flauten seines Geschäftes flexibel an.

Das heißt, es gibt eine Art Mentalitätswechsel bei den Unternehmen?

Ja, durchaus. Gerade in mittelständischen Unternehmen werden beispielsweise die langen Zahlungsziele von Konzernen zum Problem. Welcher Mittelständler kann es sich erlauben, 90 Tage, manchmal sogar 120 Tage zwischenzufinanzieren? Hier ist die gesicherte Liquidität das Fundament eines jeden Unternehmens.

Lange Zahlungsziele sind also ein besonderes Problem für viele Unternehmen?

Nun, während produzierende Betriebe, Händler oder auch Dienstleister möglichst viele Produkte verkaufen oder Leistungen erbringen wollen, ist der Einkauf immer daran interessiert, fällige Rechnungen möglichst spät zu bezahlen. Verspätete Zahlungen sind jedoch eines der Hauptprobleme des Mittelstands: Das sogenannte „Days Sales Outstanding“ (DSO) – der durchschnittliche Zeitraum zwischen Rechnungsstellung und Bezahlung – in Deutschland beträgt derzeit 30 Tage, also acht Tage länger als noch vor zwei Jahren. Und noch eine Zahl. Im vergangenen Jahr wurden durchschnittlich 41,6 Prozent aller inländischen B2B-Forderungen erst nach Ablauf des Zahlungsziels beglichen.

Besonders in schwierigen Zeiten können Unternehmen durch Factoring die benötigte Liquidität erhalten, die ein schnelles Agieren möglich macht. Die langen Zahlungsziele der Kunden stellen kein Problem mehr dar. Und zudem bieten der Ausfallschutz und das vom Factor betriebene Mahnwesen zusätzliche Sicherheit und Unterstützung.

Das bedeutet, dass die Zeiten, in denen Factoring mit Inkasso gleichgesetzt wurde, passé sind?

Ja, auf alle Fälle. Inzwischen hat das Factoring einen breiten und akzeptierten Stellenwert im wirtschaftlichen Leben eingenommen. Auch die Zeiten, in denen man Unternehmen, die ihre Forderungen verkaufen, wirtschaftliche Schwierigkeiten unterstellte, sind vorbei und gehören eher in das Reich der Vorurteile. Die Unternehmen, die Factoring einsetzen, sind üblicherweise wachstumsorientiert und benötigen dafür Planungssicherheit. Wer mit einem Factoringunternehmen zusammenarbeitet, erhält je nach Anbieter in der Regel 80 bis 90 Prozent der Brutto-Rechnungssumme innerhalb von Tagen; der Rest wird ausgezahlt, wenn die Rechnung beglichen ist. In speziellen Factoringformen, wie dem Reverse-Factoring, bei dem nicht wie im klassischen Factoring der Lieferant für seine Absatzseite, sondern der Abnehmer für seine Einkaufsseite eine Factoringlösung nachfragt und hierfür seine Lieferanten in einen Reverse-Factoringvertrag einbindet, kann die sofortige Auszahlung sogar bei 100 Prozent des Brutto-Rechnungswerts liegen.

Das heißt Factoring schreibt eine Erfolgsgeschichte…

Factoring ist ein Wachstumsmarkt. Seit der Finanzkrise von 2009 (und auch schon davor) verzeichnen wir in der Tat ein kontinuierlich hohes Wachstum der Factoringumsätze. Allein unsere Mitglieder decken 98 Prozent des verbandlich organisierten Factoring-Volumens in Deutschland ab. Dabei stiegen im vergangenen Jahr die Volumina um 10,1 Prozent auf 209,0 Mrd. Euro an. Rund 20.300 Unternehmen nutzen bereits die Vorteile der Finanzierungsalternative Factoring. Das ist eine Steigerung von 7,6 Prozent. Vor allem der Mittelstand wächst stark.

Vielleicht noch eine Zahl als Ergänzung: Die Factoring-Quote stieg weiter auf nunmehr 6,9 Prozent – gemessen alleine am Umsatz der Mitgliedsunternehmen des Deutschen Factoring-Verbandes e.V. im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt (BIP).

Der deutsche Mittelstand ist inzwischen im erheblichen Ausmaß von Exporten abhängig. Sind Auslandsgeschäfte auch factoringfähig?

Natürlich, und das schon seit längerem. Das vergangene Jahr war ein sehr gutes Jahr für den internationalen Absatz von Produkten, die hierzulande gefertigt wurden. Deutschland exportierte in 2015 Waren im Wert von rund 1,2 Billionen Euro. Der Wert der Importe lag bei 948 Milliarden Euro, beides neue Rekordwerte. Davon konnte auch das internationale Factoring mit einem Plus von 23,6 Prozent profitieren, angestiegen auf nunmehr 59,6 Milliarden Euro. Besonders das Export-Factoring profitierte von der Zunahme deutscher Warenausfuhren mit einem Plus von 24,2 Prozent auf 55,8 Mrd. Euro; im Import-Factoring gab es einen Zuwachs von 15,4 Prozent auf 3,8 Mrd. Euro.

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Journalist

Frank Tetzel

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